„Viele-Sein“ heißt für uns, dass ein Mensch mehrere, voneinander getrennte „Ichs“ (Persönlichkeiten) hat. Oft wird hierfür der Begriff „Multiple Persönlichkeit“ verwendet. Der klinische Fachbegriff lautet „Dissoziative Identitätsstörung“ (DIS). Vielfalt e.V. verwendet lieber den Begriff „Dissoziative Identitätsstruktur (DIS). Viele geworden zu sein ist keine Krankheit, sondern eine Anpassungsleistung in einer gewaltvollen Realität, die sonst nicht überlebbar wäre. Der Begriff „Störung“ individualisiert die Folgen dieser gesellschaftlichen Realität. 

Die „Dissoziative Identitätsstörung“ bzw. „Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS)“ wird in den internationalen Diagnosemanualen ICD-10 (F44.81) und DSM-IV unter den Konversionsstörungen bzw. Dissoziativen Störungen aufgeführt. Bei MPS/DIS gibt es mindestens zwei, meistens mehr unterschiedliche Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums. Jede Persönlichkeit hat ihr eigenes Gedächtnis und ihre eigenen Eigenschaften und Verhaltensweisen. Verschiedene der Persönlichkeiten übernehmen wiederholt aufgrund innerer oder äußerer Auslösereize die Kontrolle über das Verhalten der Betroffenen. Häufig wissen die Persönlichkeiten nichts voneinander. Subjektiv wird dies erlebt als nicht zu sich gehörendes Verhalten, Stimmen hören, „Zeit verlieren“, Flashbacks, Erstarren u.a. 

Mit eigenen Worten

„Bin ich viele? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Ich bin ja gar nicht so wie die Frau in „Aufschrei“. Und trotzdem ist da dieser Zeitverlust, sind Stimmen in meinem Kopf, habe ich das Gefühl, dass die Entscheidungen nicht immer von mir gefällt werden (...), dass da verzweifelte und traurige und fröhliche Stimmungen in einem solchen Extrem wechseln ...“
in: Marya, S. (1999): Schmetterlingsfrauen, S. 14

„Ja, ich wusste immer, dass ich nicht allein war, ich habe immer Stimmen gehört, (...) [und] dass ich auf einmal in der Schule saß und nicht wusste, was tu’ ich hier, ich kenn’ die Kinder in der Klasse nicht.“
D. in: Temminghoff, W. (1999): Eine-Sein. Viele-Sein. Eine-Werden?,  S. 104