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„Viele-Sein“ heißt für uns, dass ein Mensch mehrere, voneinander getrennte „Ichs“ (Persönlichkeitsanteile/Persönlichkeiten) hat. Früher wurde dafür der Begriff „Multiple Persönlichkeit“ verwendet. Der klinische Fachbegriff lautet „Dissoziative Identitätsstörung“ (DIS). VIELFALT e.V. verwendet lieber den Begriff „Dissoziative Identitätsstruktur (DIS). Viele geworden zu sein ist keine Krankheit, sondern eine Anpassungsleistung in einer gewaltvollen Realität, die sonst nicht überlebbar wäre. Der Begriff „Störung“ individualisiert die Folgen dieser gesellschaftlichen Realität. 

Die „Dissoziative Identitätsstörung“ wird in den internationalen Diagnosemanualen ICD-11 und DSM-V unter den Dissoziativen Störungen aufgeführt. Bei DIS gibt es zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitsanteile (dissoziative Identitäten) innerhalb eines Menschens. Jeder Persönlichkeitsanteil hat ein eigenes Erleben, Wahrnehmen, Erfassen und Interagieren mit sich selbst, dem eigenen Körper und der Umgebung. Verschiedene dieser Persönlichkeitsanteile übernehmen wiederholt die exekutive Kontrolle über das Bewusstsein und das Handeln der Betroffenen. Subjektiv wird dies erlebt als nicht zu sich gehörendes Verhalten, Stimmen hören, „Zeit verlieren“ (Erinnerungslücken), Flashbacks, Erstarren u.a. 

Die ICD-10 (1993) enthielt eine veraltete Definition. Die überarbeitete Fassung ICD-11, die 2022 in Deutschland in Kraft trat, enthält eine aktualisierte Definition der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) und eine neu eingeführte Diagnose "Partielle DIS". Sie wurde eingeführt für Fälle, in denen die Abspaltung der Persönlichkeitsanteile weniger stark ausgeprägt ist und es im Alltag kaum Erinnerungslücken gibt. Ein Persönlichkeitsanteil ist dominant und funktioniert normalerweise im Alltag, wird aber durch einen oder mehrere nicht dominante Persönlichkeitsanteile beeinflusst (dissoziative Intrusionen) (WHO, 2019, Gysi, 2021).

Mit eigenen Worten

„Bin ich viele? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Ich bin ja gar nicht so wie die Frau in „Aufschrei“. Und trotzdem ist da dieser Zeitverlust, sind Stimmen in meinem Kopf, habe ich das Gefühl, dass die Entscheidungen nicht immer von mir gefällt werden (...), dass da verzweifelte und traurige und fröhliche Stimmungen in einem solchen Extrem wechseln ...“
in: Marya, S. (1999): Schmetterlingsfrauen, S. 14

„Ja, ich wusste immer, dass ich nicht allein war, ich habe immer Stimmen gehört, (...) [und] dass ich auf einmal in der Schule saß und nicht wusste, was tu’ ich hier, ich kenn’ die Kinder in der Klasse nicht.“
D. in: Temminghoff, W. (1999): Eine-Sein. Viele-Sein. Eine-Werden?,  S. 104

Literatur

Gysi, J. (2021): Diagnostik von Traumafolgestörungen. Multitaxiales Trauma-Dissoziations-Modell nach ICD-11. Bern: hogrefe.

WHO (Weltgesundheitsorganisation) (2019). International Classification of Deseases 11th Revision (ICD-11). https://icd.who.int/en

 

 

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